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GEDICHTE - Inhaltsverzeichnis VERTONTE GEDICHTE
 der trommler aus zinn
 Ballade der jungen Männer im Frühling
 Ballade der alten Männer im Frühling
 Der Bacchusknabe (Sonett)
 Das Lachen (Sonett)
 Elegie für einen abgerissenen Kachelofen (Sonett)
 In meiner Wiege
 Der Nachtvorhang
 Der alte Frik und das Karpatenschloss
 Die Stadt (ein Herbsttango)
 Herbstlied
 Schnee in diesem Jahr
 winter-miniatur
 Gitter
 die sanduhr von delphi

NachLese Radebeul

DAS KALENDARIUM

 

 

der trommler aus zinn
 

ratatapeng! ratatapeng!

der trommler meiner zinnsoldaten
hat jetzt genug von heldentaten,

ratatapeng! ratatapeng!

von hackenknalln und großappell,
von marschbefehl und hu'agebrüll,

ratatapeng! ratatapeng!

von stillgestann' und bartgezwirbel,
von säbelrasseln, trommelwirbel,

ratatapeng! ratatapeng!

von marschgeblas und schießgewehr,
von reih und glied und ruhm und ehr,

ratatapeng! ratatapeng!

von schützengräben und scharmützeln,
von schlachtgetümmel und gemetzeln,

ratatapeng! ratatapeng!

von heldentum und heldenmut,
von heidenangst und heldenblut,

ratatapeng! ratatapeng!

von den zerrissnen heldentoten
ohn' arme, därme, beine, hoden...

ratatapeng! ratatapeng!

verweint wirft er die trommel hin,
der kleine deserteur aus zinn.

ratatatata...                    streng

wird über ihn sofort beschlossen,
er werde standrechtlich erschossen!

peng!

dann, wenn sein lebenszinn verflossen,
in passender form neugegossen!

ratatata! ratatata! ratatata! - peng!

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BALLADE DER JUNGEN MÄNNER
IM FRÜHLING

Gebeugt unter kaltes Azur,
Begnügt sich mein Lebetag schon
Die greise Großmutter Natur
Mit reichlich karg bemessnem Lohn;
Denn es herrscht in Wald, Feld und Flur
Als gestrenger, grauser Patron
Im Mantel von weißem Velours
Der Winter hoch von seinem Thron!

Als Knäblein nahm er mild und pur
Mit Flockenschopf Zepter und Kron'
Und entlockte in reinstem Dur
Dem Nordwind auch manch süßen Ton;
Doch heut schwingt er die Knute nur
Und lässt die Nordwinde verrohn;
's ist wahrlich keine Sinekur':
Solch Winter hoch auf seinem Thron!

Drum erwehr' sich Landsknecht und Bur'
Des Stillstands und Frosts in Person,
Drum wehr' sich jede Kreatur
Gegen des Müßigganges Fron;
Mit Knüppeln und Knütteln auf zur
Allgewaltigen Rebellion:
Wir stoßen wie die Stiere stur
Den Winter hoch von seinem Thron!

Frau Fürstin, ich leist' jeden Schwur:
Wir dulden nun niemals mehr so'n
Grausiges Stück von Diktatur
Des Winters hoch von seinem Thron!

BALLADE DER ALTEN MÄNNER
IM FRÜHLING

Auf den Wiesen lodert's und brennt's,
Da das Jahr das Frühjahr gebiert
Und wie ein Lauffeuer der Lenz
Das Land mit Grün und Farben ziert,
Wo in üppiger Konkurrenz
Das Geschäft des Lebens floriert;
Doch was nützt dem Jahr die Lizenz...
Wenn's am End doch wieder gefriert?!

Was nützt all diese Vehemenz,
Mit der die Natur rebelliert,
Wenn der groß aufblühende Mensch
Im Frühjahrstrieb den Kopf verliert,
Wenn er in der Herde als Hengst
Durchs Land galoppiert und hell wiehert?
Was nützt Wallung des Temp'raments...
Wenn's am End doch wieder gefriert?!

Was nützt dieses Silbergeglänz,
Das auf allem Wasser brilliert,
Welches in der Wellen Getänz'
Den Schnee des Vorjahrs in sich führt,
Wo der Schnitter die scharfe Sens'
Schon heimlich am Halm ausprobiert;
Was nützt all das Glück des Moments...
Wenn's am End doch wieder gefriert?!

Mein Fürst, Erlauchte Eminenz,
Die Ihr meine Schritte regiert:
Was nützt tauendes Wasser... wenn's
Am Ende doch wieder gefriert?

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DER BACCHUSKNABE
(Sonett nach einem Gemälde von Guido Reni)


So sehet doch nur Säugling Bacchus, soeben

geboren von Zeus, schon die Ammenbrust schwänzen;
bestaunet die Äuglein, die weinglasig glänzen,
wo unterhalb glühende Pausbäckchen beben,

dieweil lorbeergleich herrlich prangende Reben
das genüsslich schlürfende Häuptchen umkränzen,
dem köstlichen Nektar die Götter kredenzen -
wie früh schon entdeckt seinen Sinn er im Leben!

Und während noch rot aus den greifschwachen Händen
dem Säufernas-Kerlchen mit trunkenem Blick
der Wein in den Mund wallt, zahlt mit Restbeständen

gemäß Jacques Rousseaus einst verheißenem Glück -
den Kreislauf zu schließen, das Werk zu vollenden -
der Natur er den Saft in natura zurück.

  KLEINE SONETTGALERIE MIT BILDERN

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DAS LACHEN

Das Lachen wird als Medizin
Sehr ähnlich einem Tee genossen;
Man nehm' den Schmerz, der uns verdrossen,
Zerrupf', zerteil' und trockne ihn.

Ward ihm so Trockenheit verliehn,
Wird mit den Tränen, die uns flossen,
Er letztmalig heiß übergossen;
Drauf lass' man ihn ein Weilchen ziehn.

Man sollte solch Tees vorm Servieren
Nicht zu stark süßen noch garnieren,
Da sie der Bitterkeit bedürfen;

Man gieß' ihn ab, füll' ihn in Tassen
Und trag' ihn auf, um ihn gelassen
In froher Runde laut zu schlürfen.

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ELEGIE FÜR EINEN ABGERISSENEN KACHELOFEN

Du tatest immer Deine Pflicht
In kalten Wintern ohne Wimmern;
Vergehst Du heute auch zu Trümmern,
Da schroff Dein Kachelauge bricht;

Erlischt Dein greises Lebenslicht
In letzter Glut ersticktem Schimmern,
Einstmals geschürt von Frauenzimmern,
So bin ich doch voll Zuversicht:

Dass mir aus Deinem Totenleibe
Als heimlich mir erworbner Schatz
Noch eine Deiner Kacheln bleibe,

Für die ich einen Ehrenplatz
Mir weiß und über die ich schreibe:
»Geklaut! Verflucht sei Ringelnatz!«

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IN MEINER WIEGE

In meiner Wiege war ich Kapitän·
Ich ließ meinen Blick im dschunkelnden Treiben
Des Schiffchens entschwebt übers Wasser gehn·
Um mir dessen Ruhe einzuverleiben
Und in Pfützen· Tümpeln· Teichen und Seen
Stillschweigend mich und mein Schiff einzuschreiben
In meiner Wiege war ich Kapitän

Alles umher drehte sich um mein Schiff:
Der Wind· der am Ufer die Büsche bauschte·
Das heimliche Huschen und Haschen im Schilf·
Der Flügelschlag· der die Luft leis durchrauschte·
Die Sonne· die zwischen Teichröslein schlief·
Das Wasser· das mit den Bootsplanken plauschte
Alles umher drehte sich um mein Schiff

Ich war der einzige Herrscher an Bord
Über Sommerhitze wie Sommerfrische·
Ich war der gütigste Herrscher vor Ort·
Die Möwen· Mücken· Libellen und Frösche
Gehorchten mir alle ohne ein Wort·
Sogar die im Wasser maulenden Fische
Ich war alleiniger Herrscher an Bord

Ich wagte mich in großer Sicherheit
Hinaus auf die gleißenden Wasserflächen·
Um mir mit luftigen Brisen von Zeit
Zu Zeit erfrischende Kühlung zu fächeln·
Wo knicksend aus grünem bauschigem Kleid
Unbrechbare Rosen dornenlos lächeln
Ich wiegte mich in großer Sicherheit

Ich staunte bäuchlings mit weit offnem Mund
Gleich Fischen und Fröschen· die Fliegen fingen·
Ich lehnte den Kopf übers Wasser und
Stupste die Röslein zur Seit mit den Fingern·
Sah an ihnen vorbei auf feuchtem Grund
Braunschlierende Gräser und Kräuter schlingern
Ich staunte bäuchlings mit weit offnem Mund

Ich war ein Regent auf schwankendem Thron·
Was immer die Augen zum Ziel sich nahmen·
Sobald ich es sah· gehört' es mir schon·
Wortlos trug alles ringsum meinen Namen·
Bis jäh in schnurgerader Formation
Am Horizont Segler zum Vorschein kamen
Ich war ein Regent auf schwankendem Thron

In meiner Wiege war ich selbst der Herr
Über hier und dort und hüben und drüben·
In meiner Wiege war ich selbst der Herr!
Nichts konnte mein stilles Wässerchen trüben·
Bis plötzlich die Segler mir kreuz und quer
Wirreste Zeichen ins Kielwasser schrieben·
In meiner Wiege... wie lang ist das her?

Die Stille wurd jählings schrilles Signal·
Mit gellenden Schreien dem Tode trotzend·
Aus der Fülle erhob nackt sich die Zahl·
Aus allem wurd zwei· wurd drei· wurd ein Dutzend·
Millionen· Milliarden - mit einem Mal
Mein Reich mit meinem eignen Bild beschmutzend
Aus der Fülle erhob nackt sich die Zahl

In meiner Wiege war ich Kapitän
Auf großer Fahrt fern des Guten und Bösen·
Plötzlich sah ich mein Bild im Teich entstehn
Und konnt' meinen Blick davon nicht mehr lösen·
Ich bin vom ewigen Kommen und Gehn
Dieser Genese nie wieder genesen
In meiner Wiege war ich Kapitän

G e w e s e n

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DER NACHTVORHANG

Nun geht der Nachtvorhang herunter,
Doch bitte bette sich wer kann.
Gähnend genieß ich dann und wann
Kurz das unheimlich stille Wunder,
Von meiner Reihenloge munter
Zu schaun, als ging mich nichts 'was an;

Als säh ich nicht dort oben neben
Dem schicksalsgleichen Orion
Mein Unbeschwertsein im Ballon
Nebst Jugend schwerelos entschweben,
Ich - dem die Füß' am Boden kleben,
Wenn auch erhöht auf dem Balkon.

Oh, gleichsam ihm nachsteigen dürfen!
Schon müsst' ich (er ist reichlich fern)
Nicht nur Ballast (so schreibt Jules Verne),
Sondern die Gondel mit abwerfen,
Dann krallt' ich mich ins Netz der Nerven-
stricke, die mich gen Himmel zerrn,

Mich schlangenbissig aufwärts ziehen,
Wo alle Schwere jäh verrinnt.
Ich würd durch Lebenssand und Wind
Und Sterne in die Galaxien
Endloser Universen fliehen,
Ins Sternbild Nie-Gestorbnes-Kind.

Ein Doppelstern mit zwei Gestalten,
Die ewig beieinander ruhn.
Ewiges Kind wäre ich nun,
An meiner Hand den ewig alten
Jules Verne mit weißem Bart und Falten
Und Schlurfschritt in ungleichen Schuhn.

Ich wähn' mich auf der Weltenreise
Des Servadac, doch wär mein Glück
Der Gallia abgebrochnes Stück...
Da holt mich Weltallbummler leise
Jäh Deine Hand auf liebste Weise
Auf unsere Erde zurück;

Zurück zu Erdenhimmelbetten,
Zu vielleicht schon vorletzter Ruh.
Zuweilen rütteln in der Truh
Die müdgetanzten Marionetten
Noch abends kurz an ihren Ketten,
Dann fall'n ihnen die Augen zu...

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DER ALTE FRIK UND DAS KARPATENSCHLOSS

Nicht nur allein im Fuß die Schmerzen;
Die Sehkraft junger Tage schwindet,
Als ob das Gaslicht und die Kerzen
Mit ihrem Ruß das Sichtfeld schwärzen.
Der Autor altert. Er erblindet,
Das stete Schreiben höhlt die Sicht!

Des Blickes Trübung aber mildern
Konturenreiche Fantasien
Des innren Geists mit klaren Bildern;
Die Feder kratzt, sie uns zu schildern...
So sieht das Auge Schafe ziehen
Auf transsylvanischem Weidegrund.

Erbärmlich arm, erbärmlich schäbig
Lebt Frik, ein Schäfer fremder Herde;
Sein Heim: ein Krötenloch! Wie leb' ich
Dagegen gut!... Und doch: was gäb' ich
Nicht drum, hätt' ich hier auf der Erde
Sein ungetrübtes Augenlicht!

Welch Fernsicht! Selbst noch über Meilen
Hinweg erkennen seine Blicke,
Die weit weit hinten auf den steilen
Gebirgserhebungen verweilen,
Des alten Burgfrieds Mauer und Brücke...
So spricht er zum Karpatenschloss:

»Du alte Burg auf schwachen Festen
Bist deutlich nicht mehr ganz bei Zinnen;
Die Zeit, mein Gott, hält Dich zum besten,
Sie nagt an Deinen Überresten,
Sie sät in Fugen Dir und Rinnen
Wucherndes Gras und sprengt den Stein.

Ich seh, vorm Himmel klar umrissen,
Auf der Bastei, oh Burg, die Buche
Tiefschwarz verkrümmt, verknorrt, verschlissen
Mit nur drei Ästen noch... Wir wissen,
Dies heißt gemäß dem alten Fluche,
Dir bleiben nur drei Jahre noch!

Was meinst Du, Burg, wie schnell drei Jahre
Im Uhrenglas Saturns versanden;
Die Zeit, die ach so sonderbare
Verderbliche, weil schöne Ware,
Ist, eh man sich's versieht, zuschanden,
Ist mir nichts Dir nichts Schutt und Staub!

Schau mich an, wie im Flug vergingen
Bei mir gar fünfundsechzig Lenze,
Die eben noch so neuen Schwingen
Beschnitt die Zeit mit scharfen Klingen;
Ich legte schon so manche Kränze
Für weitaus mehr als nur drei Jahr'!

Und drei nur sind Dir noch gegeben,
Mit Riesenschritten naht Dein Ende!
Drei Jahr noch währt Dein Burgenleben,
Dann liegst Du schon zur Erde eben,
So will's die uralte Legende,
Und bist nicht mehr, Karpatenschloss!

Das letzte Zeugnis einstiger Feste
Und einst durch Deine Korridore
Wild tanzender, fröhlicher Gäste,
So deuten es die Buchenäste,
Begraben stürzend Deine Tore
Und alles wird vergessen sein!

Von altem Glanze überdauern
Nur Haufen Schutts, nur Trümmerberge;
Ach, kaum ein Mensch wird um Dich trauern,
Kaum eine Seele Dich bedauern
Auf der jung nachdrängenden Erde;
Du alte Burg, Du dauerst mich!«

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Ein Herbsttango


DIE STADT


... teilt sich vor unsrem Schritt; sie zieht
mit ihren Giebeln, Märkten, Brücken
rechts, links vorbei an unsren Blicken
und schließt sich wieder dicht im Rücken;
beengt hüpft unser Herz auf Krücken
durch aufgegebenes Gebiet.

Im Brustkorb kauernd, eingeigelt,
groß von Erinnrung überschwemmt,
klopft zaghaft es ans Unterhemd,
wo's zwischen Mut und Wehmut klemmt,
wo's sich zwischen die Rippen stemmt
und wo's sich kläglich eulenspiegelt.

»Es klopft. Wer da? Ach du, mein Herz!«
Der Schelm in uns versucht mit Mühen
das dicke Fell uns abzubrühen,
doch in die Wangen, die im frühen
und frischen Winde glutrot glühen,
streut eine Prise Salz der Herbst. ..


Zur gesungenen Fassung   => Zur gesungenen Fassung mit Volltext

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HERBSTLIED

Ein frischer Wind spielt in den Zweigen;
Das Jahr ist alt und reich und taub.
Klein-Hagen lässt die Drachen steigen;
Groß-Siegfried stapft durch welkes Laub.

Wildgänse zogen aus, den Süden zu erobern,
und glitten wie ein V stolz Richtung Horizont;
tief hinter ihnen hat ein Dächermeer zinnobern
mit glitzerndem Geblink im Spätherbst sich gesonnt.

Noch sommertrunken schien die Sonne, schwankend brannte
sie ihre Glut tief ins Gewand des Himmels ein,
der nüchtern, kalt und klar den blauen Bogen spannte,
dem Pfeil der Gänse Kraft zum Scheiden zu verleihn.

Die Dächer, um den Zug der Gänse zu erreichen,
durchfunkeln spiegelhell den sonnig-kalten Tag,
jedoch die himmelan hoch aufgeworfnen Zeichen
pralln wie Geschosse ab vom fernen Flügelschlag.

Auch mein Dach oben funkt wild in panischem Blinken
mein »es ... oh, es wird Herbst!« den Gänsen hinterher,
die gnädig aus dem Blau des Himmels niederwinken,
als sei's ein Lebewohl auf Nimmerwiederkehr!

Der Herbst zieht Fäden und fragt, aufgelöst im Hemde,
Was ist das für ein Weh? in seiner lieben Not.
Die Jugend schreit: Das ist das Fernweh hin zur Fremde!
Das Alter spricht: Das ist das Heimweh her zum Tod!

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SCHNEE IN DIESEM JAHR

Vorsänger:

Verkehr verebbt, die Stimmen stocken;
versprengter Wind lärmt durch die Gassen;
vereinzelt klingeln Ladenkassen;
von ferne läuten schon die Glocken;
sie rufen leis auf zum Besinnen.
Die Häuser stehn verschnupft im Nassen
und fragend tropft's aus allen Rinnen:
Wo sind die weißen Wirbelflocken?
Wo bleibt die heitre muntre Schar
der weiß berockten Tänzerinnen?
Wo bleibt der Schnee in diesem Jahr?


Nirgendwo Jauchzen und Frohlocken;

die Straßen sind wie leergeblasen;
nicht einmal plattgedrückte Nasen
von Buben, die in Stuben hocken;
die bö'gen Winterwinde bocken...
sie fegen mild und ausgelassen
der alten Burg die hohen Zinnen
und die Türme der Kirche trocken.
Wo sind vor des Winters Altar
die weissagenden Priesterinnen?
Wo bleibt der Schnee in diesem Jahr?


Das Jahr belud Kähne und Koggen

mit Waren aller Art in Massen,
so viel die Schiffsbäuche nur fassen:
Mais, Gerste, Hafer, Weizen, Roggen,
Brot, Fleisch nebst Wein von Winzerinnen,
porzellanene Teller, Tassen;
das Jahr bracht' seit seinem Beginnen
mit Hosen, Röcken, Hemden, Socken
Reichtum in Gold und Seide dar,
doch denkt noch nicht ans weiße Linnen?
Wo bleibt der Schnee in diesem Jahr?

Wo ist der schicksalhafte Rocken,
mit dem die Parzen unser Haar,
zu silbernem Lametta spinnen?
Wo bleibt der Schnee in diesem Jahr?


Chor der Parzen:








Wo bleibt die heitre muntre Schar
der weiß berockten Tänzerinnen
Wo bleibt der Schnee in diesem Jahr?
Wo bleibt der Schnee in diesem Jahr?










Wo sind vor des Winters Altar
die weissagenden Priesterinnen?
Wo bleibt der Schnee in diesem Jahr?
Wo bleibt der Schnee in diesem Jahr?








Reichtum in Gold und Seide dar,
doch will noch nicht ins weiße Linnen?
Wo bleibt der Schnee in diesem Jahr?
Wo bleibt der Schnee in diesem Jahr?

Wo ist nur unser alter Rocken,
mit welchem wir das Menschenhaar
zu dünnen Silberstreifen spinnen?
Wo bleibt der Schnee in diesem Jahr

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winter-miniatur

die ersten weißen flocken fallen
in weich verpackten eiskristallen;
der winter schleicht als katze
auf samtig weicher tatze
mit eingezognen krallen...
 

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Gitter

Das stählerne Längliche,
in sich selbst Befängliche,
so Körperlich-Bängliche
umschließt das Vergängliche.

Das körperlos Fließende,
die Stähle Umgießende,
nach draußen Entschwindende
erschließt das Verbindende.

Das ins Freie Sehende,
das Gitter der Käfige
ohne uns Durchgehende
verschließt uns das Ewige.
 

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die sanduhr von delphi


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