DER  STARKE TOBAK  DES  MONSIEUR BRASSENS
Georges Brassens in deutsch -- übersetzt und gesungen von Ralf Tauchmann


ONKEL ARCHIBALD UND DER SCHÖNE TOD 
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Kurzer Auszug:


1   DIE GROSS-STRUKTUR

Das Chanson Oncle Archibald besitzt keinen Refrain im eigentlichen Sinne, sondern besteht aus fortlaufenden Strophen zu je sechs Versen im Reimschema aaBccB (wobei die Kleinbuchstaben die männliche Kadenz, die Großbuchstaben die weibliche Kadenz kennzeichnen). Die männlich auslautenden Verse sind Achtsilber, die weiblich gereimten Verse Dreisilber. Aus rein formaler Sicht könnte der jeweils letzte dreisilbige Vers der einzelnen Strophen, der melodiebedingt taktfüllend wiederholt wird, als Refrain-Ersatz gedeutet werden, da er dem für den Refrain wesentlichen Kriterium der Wiederholung entspricht. Aus inhaltlicher Sicht indes genügt diese Dopplung des jeweils letzten Verses nicht dem wertenden, resümierenden, abstrahierenden Charakter, den zu tragen der Refrain traditionell bestimmt ist. Als Refrain-Ersatz ließe sich eher die hier durch Georges Brassens vorgenommene wortgleiche Wiederaufnahme (Reprise) der ersten und einleitenden Strophe als letzte und ausleitende Strophe deuten. Die analoge Verfahrensweise findet sich bei Georges Brassens des öfteren, z.B. in Les lilas, La fille à cent sous, L'assassinat, Vénus Callipyge sowie La pensée des morts. (Letzteres Chanson ist die Vertonung eines Gedichtes von Alphonse de Lamartine, wobei Georges Brassens sich nur auf einige wenige Strophen beschränkt und die einleitende Strophe Lamartines, sozusagen als Abgesang, wieder aufgreift.) Der gleiche Wortlaut erhält, kontextuell bedingt, einen variierten, nuancierten Sinn; er wird anfangs, da dem unvorbelasteten Zuhörer einleitend vorgesetzt, anders verstanden als am Ende, nachdem er den Sinn erhalten hat, den die dazwischen liegenden Strophen ihm eingegeben haben...

[...]

STROPHE 11

   61   O vous les arracheurs de dents
   62   Tous les cafards  les charlatans
   63         Les prophètes
   64   Comptez plus sur oncle Archibald
   65   Pour payer les violons du bal
   66        A vos fêtes

             (© 1957 Éditions Musicales 57)

Strophe 11 schließt wie ein Buchrücken die Erzählung, die Strophe 1 wortgleich eröffnete. Strophe 1 stellt zu Beginn bereits das Resümé der noch zu erzählenden »Begebenheit« in den Raum. Offen bleibt am Anfang, wie es Onkel Archibald gelingt, den Scharlatanen, Wunderdoktoren, Zahnausreißern, Propheten das Spiel zu verderben. Wird er gegen sein Schicksal rebellieren? Nein, er trifft unterwegs den Tod, den schönen Tod freilich, den natürlichen Alterstod und... rebelliert vorerst gegen diesen. Die Schöne muss all ihre Überredungskünste aufbieten, um Onkel Archibald zur Einsicht zu bringen, dass die Ehe mit ihr nicht das schlechteste ist.
Strophe 1 ist im Grunde eine zu Anfang des Chansons aufgestellte Behauptung. Strophe 11 ist in diesem Sinne das Resümé des durch die dazwischen liegenden Strophen geführten »Beweises«. Was auch immer die Scharlatane und Marktschreier lauthals preisen, am Ende ist der Tod, der natürliche Tod, der »Lust-Tod« die einzige wahre, einen Ausweg aus der gesellschaftlichen Entrechtung, Entfremdung und damit Unlust bietende Wundermedizin, weil Naturmedizin.


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