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2.
Themen/Motive
Hauptthema: Religion - Kloster - Kasteiung/Zölibat -
Ordensregel/Sittenstrenge
Unterthema: Verteufelung des
Sinnlich-Weltlichen
und gegen die Sittenstrenge Gerichteten, schwarze Messen
Untermotiv: Ostern/Auferstehung
Gegenthema: Natur - Liebesblume/Liebe - Weltlichkeit -
Weiblichkeit
- Sinnlichkeit
Unterthema: Gerüchte - Verleumdung
- Aufregung [ist von ebenso weltlichem Charakter wie die
Gänseblume]
3. Deutungen
Das Chanson mag verdeckt ironisch sein (enceinte sacro-sainte,
quelle affaire!, Notre Père qui j'espère..., sachez
diantre!),
aber das religiöse Umfeld wird direkt-sprachlich ohne Hohn
dargestellt,
auch ist der Einschub ins Vaterunser (Notre Père qui,
j'espère,
êtes aux cieux) als allgemeines Hoffen auf göttliche
Erlösung
deutbar. Dass eine kleine unscheinbare Blume (petite marguerite,
fleur
frivole/légère) im Bereich des Klosters um die
Osterzeit
ausreichend Anlass zu Aufregung, Gemütsbewegung und Spekulationen
(scandale...
sur l'autel, quel émoi!, quelle affaire!) bietet, hat die
Ursache
nicht in der Blume, sondern in der naturabgewandten, wenn nicht
naturverleugnenden
Kasteiung. Die Natur bricht sich Bahn in Form eines
Gänseblümchens,
welches -- als fliegende (qui vole) »kleine
Schwester«
der großen Liebesblume Margerite -- vom Wind getragen (qui
vole)
heimlich (en contrebande) in die gottzugewandten
Klosterbereiche
getragen wird, und zwar aus den klostereigenen Beeten. In der
Kloster-Umgebung
des Abtes erhebt sich: Bewegung/ Erregung/Gefühlswallung
(émoi)
und großes Aufheben (scandale, affaire). Andererseits
scheint
die »Gänseblumenaffäre« von Frauenmund
verkündet
zu werden. P. Wierichs gründet dies in seiner Dissertation [1975
- Westfälische Wilhelms-Universität - Philosophische
Fakultät
- Münster] (in Anlehnung an Nebenliteratur) darauf, dass
der
ironische und ablehnend-anziehende Ausruf peuchère! von
Frau
zu Frau gehe. Der Ausdruck oui, ma chère lässt
gleichfalls
darauf schließen, obwohl es sich hier wohl um eine verkürzte
übertragene Wendung handelt, wie im Nouveau Petit Robert
ausgeführt:
»avec une pointe de préciosité. Cher !
Très
cher ! Oui, ma chère!«
Der Schlüssel zur Deutung ist Strophe 2. Das Ich dieser
Strophe ist nicht gleich dem Ich der 3. bis letzten Strophe.
Strophe
2 charakterisiert in wörtlicher Rede die bösen Zungen (mit
ihren
messes
basses) : La frivole fleur qui vole arrive en contrebande...
Strophe 3 leitet unter Berufung auf die Güte Gottes die Gegenrede
ein und »stellt klar«: La légère fleur,
peuchère,
ne vient pas de nonnettes, de cornettes... Die nonnettes
und
cornettes
haben zwei Hauptdeutungen. 1. Die klösterlich einzig vorstellbare
Weiblichkeit ist die von Nonnen. 2. »Ausrutscher« des
anscheinend
mehr wissenden Ich-Erzählers -- es ist an der Geschichte wohl doch
mehr dran als hier abgewiegelt wird.
Weiterhin interessant ist die Begriffsstreuung des Sabbat --
Die Blume/Blüte kommt (rührt) nicht von
Nönnchen/Flügelhäubchen
am Sabbat (her) -- Jungnonnen welche vom Wochenwerk, d.h. im
vorliegenden
Falle: Gotteswerk ausruhen. Das Ausruhen vom Gotteswerk
schlägt
den Bogen auf die schwarzen Messen, Teufels- und Hexensabatte,
verstärkt
durch die Heraufbeschwörung eines Meeres von cornettes
(Flügelhäubchen,
wörtl.: Hörnchen). Die Nonnenhäubchen selbst werden
zum Symbol der »Teufelsanbetung«. Erst Strophe 4
beendet
diese kurze und äußest vage Andeutung von Teufelswerk: Sachez,
dia...ntre!..., und der Fluch diantre (verschleierte Form
von
diable)
versinnbildlicht sprachlich diese Abrückung vom
Teuflischen/Verteufelnden.
Nicht beim Ausruhen vom Gotteswerk, sondern bei Erfüllung seiner
gottesdienstlichen
Pflicht kam der Abt an die Blume! Die Tagesordnung im Kloster (sei
es
das Mönchs- oder Nonnenkloster) wird wieder hergestellt, indem
berichtet wird, wie der Abt die Blume »auf einem
Leidensweg«
(dem Jesu Christi? seinem eigenen? dem eines Mitbruders?) fand, und den
bösen
Zungen das weitere Tuscheln untersagt wird... da wohl sonst das
Kloster
und die Ordenschaften bzw. der Klerus insgesamt (l'autel)
gefährdet
würden.
Die (nicht nur!) altertümliche Sprache von Georges Brassens
darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Chanson im 20.
Jahrhundert
geschrieben wurde und sich an heutige Zuhörer richtet. Es
behandelt
das katholische Zölibat. Und das Thema wird sprachlich und
gestisch
aus dem eigenen religiösen Umfeld heraus behandelt -- ohne
vordergründigen
außenstehenden Hohn und Spott. Wie typisch für die Poesie
von
Georges Brassens, wird der Gegenstand von innen heraus abgehandelt: mit
greifbaren, äußerst präzisen Bildern und ohne einen
gottgleich
über dem Dargestellten schwebenden Erzähler. Natürlich
hat
Georges Brassens hinter der Ich-Figur sprachlich und gestisch alles
geordnet,
aber er wirft eine Frage auf, stellt eine Konstellation dar, ohne sie
zu
beantworten.
P. Wierichs verweigert in seiner Dissertation auffallenderweise
die Interpretation des Vaterunser-Einschubs: Notre Père qui,
j'espère, êtes aux cieux... unter Verweis auf die
strikten
Formzwänge der kurzzeiligen Struktur. Da das Chanson durchweg die
gleiche Formstrenge aufweist, dürfte dann überhaupt nichts
gedeutet
werden. Ursprung dieser Verweigerung Wierichs ist wohl der generelle
Umstand,
dass Brassens meist über Gebühr mit den Ich-Figuren seiner
Chansons
identifiziert wird. Zweiter Ursprung scheint zu sein, dass die
aufdrängende
Interpretation (Brassens sei religiös) sich nicht in den
Grundtenor
der Dissertation einfügt. Dabei widerspricht dieses
Hoff-Ich-Vaterunser
in keiner Weise dem künstlerischen Gestus von Georges Brassens.
Brassens
behandelt keines seiner Themen aus einer überschwebenden
Fernsicht.
Meine felsenfeste Deutung ist: Der Erzähler des Chansons (ab der
3.
Strophe!) ist Teil der Klosterwelt (und kann in keiner Weise mit
Brassens
identifiziert werden, außer dass er wohl männlich ist). Dans
l'enceinte sacro-sainte... ist kein Blick von außen ins
Kloster,
sondern ein Blick von innen an die Klostermauern.
Notre Père
qui, j'espère... bedeutet nicht nur Hoffnung, dass es Gott
gibt,
sondern birgt genauso die Hoffnung, dass Gott nicht mit ansehen muss,
wie
seine ihm geweihten Klosterdiener sich nur wegen des Anblicks einer
unscheinbaren,
eitlen (frivole, légère) Blume betragen, und zum
dritten
schwingt ganz im Hintergrund, und genau das ist Brassens' Ironie: Falls
etwas an der Sache sein sollte, hoffentlich ist Gott im Himmel (und
nicht
auf Erden!), sodass er nichts gesehen hat und nichts davon weiß (sachez).
Das wird bekräftigt durch die drei Folgezeilen: n'ayez cure
des
murmures malicieux... -- Sorg dich nicht um das boshafte
Gemurmel...
In jedem Falle wird durch den Einschub j'espère Zweifel,
wenn auch nur äußerst leiser Zweifel, an der Allmacht Gottes
»laut«; und Brassens stellt durch die
»Dreifaltigkeit«
seines Sprachgebrauchs an dieser Stelle Hoffnung und Zweifel
in einen sehr wohl berechtigten Zusammenhang.
Wenn auch in der letzten Strophe an die Umwelt appelliert wird,
nicht weiter einen solchen Verdacht angesichts der kleinen Margerite zu
hegen, endet der letzte Vers des Chansons, der den Charakter eines
Ausrufes
trägt, mit dem Wort mais, welches in erster Linie als
Ausruf
der Bestätigung aufzufassen sein mag, aber dennoch als letztes
Wort
des Chansons im Raum steht und ein zweifelndes Aber aufwirft,
wie
vage dies auch anklingt...
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