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So auch im Lied Fernande, das in lockerem Ton in der
Gestalt eines Lobgesanges auf den Phallus daherkommt, allerdings nicht auf
irgendeinen Phallus, sondern auf den Phallus des bzw. der Junggesellen. Das ist
die Rahmenhandlung, die die erste Strophe einleitend einführt (vieux garçon) und die letzte Strophe
schlussfolgernd verallgemeinert (solitaires).
Dazwischen liegen vier Strophen, die jeweils das landläufige
Cliché eines typischen
einsamen Berufes (Junggesellenberufes) zum Thema haben: Wachtposten,
Leuchtturmwärter, Priesterschüler (Zölibat), Soldat
(noch dazu toter Soldat).
Auch die Ich-Figur der ersten Strophe gehört zu diesen
Berufsjunggesellen: der
Künstler an sich (bzw. speziell Brassens selbst in seiner
öffentlichen
Image-Figur). Dies ist ganz offensichtlich der äußerst
einfache und
naheliegende gedankliche Faden, an dem Brassens seine Strophen
aneinanderreiht.
Bei meiner Arbeit an der deutschen Übersetzung kam mir ganz
spontan noch der
Schäfer ein, dessen Berufsbild sich ansatzweise in die genannten
Clichés einfügt -- allerdings mit der Einschränkung,
dass das Hirtliche gerade beim späteren Brassens mehr dem Idyll
verhaftet ist (Je rejoindrai ma belle, Dieu s'il existe).
Brassens wäre jedoch nicht Brassens, wenn er diesen Clichés nicht eine
besondere Seite abzugewinnen wüsste. Allein das Spiel mit Berufsbildern entwickelt
eine gesellschaftliche Linie und »untergräbt«
die manchmal vorgebrachte einseitige Deutung, dieses Loblied auf den Phallus sei ein
Macho-Lied. Nein, schon mit der Zölibat-Strophe und spätestens beim unbekannten Soldaten wächst der Phallus
sozusagen über sich hinaus und wird Symbol des Lebenstriebes an sich,
zugestanden: des männlichen Lebenstriebes, aber diesen Umstand zu
negieren, wäre Naturverleugnung. Die Fehldeutung als mannsprotziger Gesang ist
aber nicht verwunderlich in Anbetracht des heutigen Zeitgeistes, wo der
Phallus, einstens Symbol des Lebens und der Fruchtbarkeit, im Zuge der
Emanzipierung der Frau oftmals als Gewaltinstrument, ja sogar als ins Soziale
umgedeuteter kriegsverantwortlicher Naturtrieb betrachtet wird und dem Manne
mitunter nicht mehr »gut zu Gesicht steht«, sondern ihn zum Mannsprotz degradiert.
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Strophe:
umschließender Reim mit aBBa (Kleinbuchstabe = männlicher Reim, Großbuchstabe = weiblicher Reim). Der jeweils zweite Vers der Strophen ist ein Sechssilber, die anderen Verse der Strophen sind Achtsilber. Refrain:
Im Paarreim angeordnete Knüttelverse verschiedener Silbenzahl (4, 5, 6). |
So weit zum Inhaltlichen! Brassens wäre nicht Brassens, wenn
nicht auch die künstlerische Bearbeitung des Themas ihr Wörtchen mitzureden
hätte. Dabei geht es mir nicht in erster Linie um die poetische Form, die
Brassens meisterhaft zu gebrauchen weiß, ohne übermäßige inhaltliche
Kompromisse eingehen zu müssen: Während der Refrain in volkstümlich eingängigen,
paarig gereimten Knüttelversen (rimes
plates) gefasst ist, sind die Strophen mit umarmendem Reim (rime embrassée) etwas diffiziler gebaut.
Nein, es geht um ein kleines Detail im Refrain, um einen Kommentar zur
französischen Sprache, der mir in meinem Bestreben, Brassens auch und vor allem
im künstlerischen Gestus ins Deutsche zu bringen, viel Kopfzerbrechen
bereitete. |
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Diese sprachbezogene Aussage
befindet sich (neben der bereits erwähnten inhaltlichen Aussage) in der letzten
Zeile des Refrains: Ça n’se commande pas.
Nun gehört im Französischen das Wort bander
(je bande, je bande…) zum Kreis der
intransiven Verben, d. h. absolut gebrauchter, beschreibender Verben, die kein
direktes Objekt haben und somit auch nicht ins Passiv gesetzt werden können (z.
B. schlafen, vergessen…). Wie bei »je bande«
ist zwar das Subjekt
als scheinbarer Handlungsträger vorangestellt, handelt aber nicht
eigentlich, sondern kann die ablaufende Handlung bzw. den »zu Stande« kommenden Zustand nur zur Kenntnis nehmen. Diese
existentiellen Verben (mourir, naître,
bander…) bezeichnen Sachverhalte, auf die keine aktive Einflussnahme
möglich ist, kurzum: ça n’se commande pas
– das geht nicht auf Bestellung/Befehl. |
| Comme de la patrie je ne mérite guère, J'ai pas la Croix d'honneur, j'ai pas la croix de guerre. |
Ich trage wahrlich kaum Verdienst am Vaterland, Kriegte kein Kriegskreuz und kriegte kein Ehrenband |
| (LA TONDUE) |
(DIE SCHUR) |
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| Est-ce à dire que je méprise Les nobles guerres de jadis, Que je m'soucie comm' d'un' cerise De celle de soixante-dix ? |
Heißt das etwa, mein Auge trüb sich Vor gutem altem Adelskrieg Oder dass bei dem einundsiebzig Ich nur das kalte Grausen krieg? |
| (LA GUERRE DE 14-18) | (DER 14-ER KRIEG) |
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Das Lied Fernande
hat jedoch noch eine inhaltliche Komponente, die sich aus dem kompositorischen
Grundgerüst ergibt. Nachdem die ersten Strophen die Berufsjunggesellen-Clichés
eines nach dem anderen jeweils in Einzahl »abgearbeitet« haben, führt die
letzte Strophe zur Verallgemeinerung: der Aufruf an die Junggesellen, den
gerade gesungenen Refrain zur Nationalhymne zu erklären. Hier gipfelt die
schlüpfrige Farce auf ihrem Höhepunkt... und spätestens hier wird deutlich,
dass die Junggesellenberufe stellvertretend für eine politisch-soziale Aussage
stehen. Man kann deuten, dass Brassens auf die allgemeine gesellschaftliche
Entwicklung anspielt, dass immer mehr Menschen allein als Junggesellen (nach
heutigem Sprachgebrauch »Singles«) leben.
Andererseits charakterisiert Brassens
in einigen anderen Liedern den Junggesellen als Störenfried der
materiell-altbürgerlichen Eheordnung (L’orage,
Le cocu, A l’ombre des maris…), der
mit seiner freien sexuellen Potenz dem Ehemann die Sicherheit des ehelichen
Haus- und Treuestandes nimmt. (Erneut ist dies ein ganz einfaches, naheliegendes
und jedem bereits bekanntes Wissen.) Diese Einfachheit des Gedankens verhindert
aber nicht, dass Fernande als
»Kunstlied« hintergründig Stellung gegen die materiell ausgerichtete
bürgerliche Moralordnung bezieht. Andere Lieder wie La non-demande en mariage oder Pénélope
behandeln dieses Thema der ehelichen Strukturen deutlicher und mit viel
größerer und innigerer Gefühlsbreite als dies im Phallus-Gesang des Liedes Fernande der Fall ist. Das zeigt
vielleicht noch einmal, dass die Deutung des Liedes als Macho-Gesang viel zu
sehr der Oberfläche verhaftet bleibt und dass Fernande im Gegenteil ein Baustein der emanzipatorischen (männlich
wie weiblich emanzipatorischen) Gedankenlinie der Brassensschen Gedankenwelt –
oder sagen wir lieber: Empfindungswelt – ist, denn letztlich sind es nicht
unbedingt weltbewegende neue Gedankenweisheiten, sondern uns eigentlich bereits
bekannte Gefühlswahrheiten, für die die Lieder von Brassens nur die Sinne
schärfen.
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