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»Oh Sterben für Ideen
-- diese Idee ist Klasse!
Dass sie mir niemals kam, war um ein Haar
mein Tod.
Denn alle, die sie hatten, haben als raue
Masse
Mich unter Mordsgeschrei mit der Idee bedroht.
Und meine freche Muse, so derb und doch verletzlich,
Schwört ihrem Irrtum ab, beugt sich der
Mordgewalt,
Nimmt diesen Glauben an... mit winz'gem Vorbehalt:
Wir sterben für Ideen -- jawohl, doch
nicht so plötzlich
Jawohl, doch nicht so plötzlich...«
Ein böses Chanson gegen jene, die das Sterben
für Ideen zur Selbstverständlichkeit erheben wollen, das eigene
Sterben wie das Unbeteiligter. Georges Brassens schrieb dieses Lied schon
1972, und doch wirkt es, als wäre es im Herbst 2001 entstanden.
Genau diese fortdauernde Aktualität
fasziniert den Übersetzer und Sänger Ralf Tauchmann. Es ist eine
Aktualität, die nicht, wie bei manchen Liedermachern hierzulande, zu
Agitation verkommt. Lieder von Brassens sind immer gesungene Literatur, das
bemerkte Tauchmann schon in jungen Jahren.
»Der Beginn liegt bei meinem
Studium. Ich denke eigentlich, wer sich tiefer mit der französischen
Sprache beschäftigt, kommt an Georges Brassens nicht vorbei, der von
mittelalterlich angehauchter Sprache bis ins Moderne hinein Sprachen jeder
Stilebene verwendet und damit eine ganz eigene Ästhetik und Sprachbehandlung
schafft.«
Mehr als achtzig Chansons von Georges Brassens hat
Ralf Tauchmann in den letzten zehn Jahren nachgedichtet. Er singt sie mit
Erfolg auf kleinen und kleinsten Bühnen, zum Beispiel im Club existentialiste
in Berlin, der die Tradition der Chanson- und Diskutierclubs aus dem Paris
der Nachkriegsjahre wierderbeleben möchte. Doch sein Geld zum Leben
verdient Tauchmann nicht mit kritischen Chansons, im Hauptberuf übersetzt
er technische Fachtexte. Die können spannender sein als mancher schlechte
Roman, dennoch sagt er:
»Ich wär' eindeutig in
die Literaturstrecke gegangen, wenn alles nach mir gegangen wäre. Aber
die Welt geht nun mal nicht nach den einzelnen Personen. Ich hab' ja in der
DDR studiert, und unser Beruf war etwas politisch angehaucht, zwangsweise.
Und ich hab' gesagt, ich möchte bitte in ein technisches Institut oder
irgendwohin. Also ich hab' nicht gesagt, ich will nicht in 'ne politische
Strecke, aber ich hab' gesagt, ich möchte in ein technisches Institut.
Und da war gerade in der Nähe von Dresden in einem Papierinstitut eine
Übersetzerstelle am Freiwerden. Dort bin ich hingekommen, und mir hat
das die Rosinen aus dem Kopf geschlagen, in dem Sinne, dass ich dort Präzision
gelernt habe. Und die ist mir für Brassens auch zugute gekommen.«
Die Chansons von Jacques Brel, Edith Piaf oder Charles
Aznavour werden in Deutschland immer gehört. Georges Brassens dagegen
ist bei uns beinahe Geheimtipp geblieben. Für Ralf Tauchmann ist das
nicht erstaunlich.
»Frech gesagt, würd'
ich sagen, ist er selber dran schuld. Das war 'ne Stimme von der Straße,
so als hätt er's Weinglas gerad' abgestellt. Das ist für jemand,
der dem Text nicht mehr folgen kann... für den bietet die Stimme und
die Musik nicht unbedingt was. Also man muss den Text verfolgen. Das ist ja
auch der Sinn meiner Arbeit an den Texten. Nur dann kann man auch die Feinheiten
der Melodie teilweise ... beim ‚Nachtclub‘ ist ein eindeutiger Schluchzer
drin - 'nous n'irons plus danser au grand bal des quat'z'arts' - ist ‘n Schluchzer,
na?«
Doch Ralf Tauchmann schätzt das „Nachtclub“-Lied
nicht nur wegen dieses Schluchzers, der nur Sinn hat, wenn man den Text versteht,
er liebt es vor allem, weil es ein ganz typisches Chanson für Brassens
ist, eines, bei dem Brassens den Zuhörer listig an der Hand nimmt und
ihn erst einmal auf eine falsche Fährte lockt.
»Wir stellen uns jetzt vor,
wir sind Mitglied eines Nachtclubs, kriegen eine Einladung, also wir sind
Stammgast dort. Was, 'ne Beerdigung? Das soll doch bestimmt ein schlüpfriges
Spektakel sein, das ist doch nicht ernst gemeint! Also freuen wir uns auf
eine Farce, auf eine Posse, die unter die Gürtellinie geht.«
Doch diese Beerdigung, erfährt der Nachtclub-Gast
und mit ihm der Zuhörer zum bösen Schluss, die war echt. Georges
Brassens prophezeite das Ende der Spaßgesellschaft Jahrzehnte, bevor
dieser Begriff überhaupt erfunden wurde.
»Lebt wohl, Pappschädel
Ihr mit Attrappengebein!
Kein Totentänzchen mehr zu Flöten
und Schalmei'n!
Wenn groß der Nachtclub tagt, tanzen
wir nicht mehr an,
Da die Zeit echter Trauerfeiern nun begann...
Wir tanzen nicht mehr an, wenn groß
der Nachtclub tagt.
Zurück! Jetzt sind die Leichenwagen angesagt!
Wir tanzen nicht mehr an, wenn groß
der Nachtclub tagt.
Zurück! Jetzt sind die Leichenwagen angesagt!«
(Ein Danke an den Autor dieses Beitrags, Stephan Göritz, Berlin,
für die Bereitstellung des Textes.
Gesendet im Deutschlandfunk am 30. 10. 2001
in: „Corso - Kultur nach 3")
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